„Es ist wichtig, Feinde zu haben“

Timm Völker - Quelle Facebook Timm Völker und 206

Timm Völker, geboren und aufgewachsen in Halle, mittlerweile in Leipzig lebend, ist Sänger, Texter und Bandkopf der Gruppe 206. Bereits als 21-Jähriger vertonte Völker am Thalia-Theater in Halle die Texte von BAADER Holst, auch ein Song auf dem 206-Album „Republik der Heiserkeit“ ist ihm gewidmet. In seinem Schreibzimmer über einer Bar im Leipziger Westen traf ich Timm Völker zu einem Gespräch über die ungebrochene Faszination, die BAADER ausübt, über das Wesen seiner Texte, die Schwierigkeit, zeitgemäß Kritik zu üben und darüber, wie man BAADERs Kunst eigentlich ins Heute übersetzt.

Fangen wir vorne an: Wie bist du auf BAADER Holst gestoßen?

Das lief über den Bassisten meiner Band, der selbst über Umwege von BAADER Holst erfahren hatte. Dank ihm habe ich die Texte gelesen und war schnell angetan, weil sie relativ nah an dem waren, was und wie ich geschrieben habe. Später habe ich dann ein Stück am Thalia-Theater inszeniert, mit dem schönen Titel „Nur ein toter Dichter ist ein guter Produktionsarbeiter“, in dem ich mich zum ersten Mal näher mit BAADERs Texten beschäftigt habe. Das Stück lief glaub ich zehnmal und eigentlich hatte ich gedacht, dass ich 2010 – zu BAADERs 20. Todestag – noch einmal angesprochen werden würde. Aber dem war nicht so. Vielleicht hat es einfach nicht so große Kreise gezogen.

Was macht BAADERs Kunst denn für dich aus?

Was mich begeistert hat, war, dass er die DDR-Alltagssprache in einer seltsamen Art und Weise zu deformieren, zu dekonstruieren und dann mit komischen Versatzstücken zu vermischen wusste, um daraus eine ganz eigene Sprachmagie zu entwickeln. Ich nenne das immer: „Sich den Feind aneignen“. Das ist für mich, was seine Texte ausmacht. Es ist roh, impulsiv und geht tief in das Mark der Sprache.

Darüber hinaus ist ein wichtiges Element von BAADERs Kunst, dass er sie nie anerkannt auf irgendwelchen Bühnen oder in Literaturkreisen präsentiert hat. Er und Peter Wawerzinek sind durch die Provinz getingelt und haben Stehgreif-Lyric-Performances gemacht. Spontan, im öffentlichen Raum. Sie sind irgendwo reingeplatzt und haben ihre Texte präsentiert – diese Impulsivität macht das Ganze auch faszinierend.

Wie stehst du dazu, dass einige BAADER auch als eine Art Vorreiter der heutigen Slam Poetry-Szene sehen?

Ich glaube, das ist ein bisschen weit hergeholt. Poetry-Slams gab’s ja auch schon in den 70ern? Oder sogar 60ern? Wenn ich mutmaßen müsste, dann kommt das aus der Blütezeit des Folk im Greenwich Village in New York. Ich glaube also nicht, dass er da ein Vorreiter war. Man kann in Bezug auf BAADER eher von Spoken Word- bzw. Theaterperformances reden.

Was ich besonders an ihm finde, ist, dass er so eine Art Bindeglied zwischen Leuten wie Wolf-Dieter Brinkmann, William S. Burroughs und Leuten von heute bildet. Aber Poetry Slam? Nein, da kann ich nicht so richtig mitgehen. Sonst würde er auch viel berühmter sein, denn dann würden sich ja alle heutigen Slammer auf ihn berufen.

Wenn BAADER nicht 1990 gestorben wäre, sondern weitergemacht hätte; hätte er, der sich ja sehr auf das „Sinnregime“ der DDR bezogen hat, nicht sein zentrales Feindbild verloren?

Stimmt, gerade im Kontext des ganzen Ost-Punk-Phänomens haben viele Leute mit der Wende zunächst ihr Feindbild verloren. Was dann auch dazu geführt hat, dass sie in der Bedeutungslosigkeit verschwunden sind. Insofern bin ich mir auch ein wenig unsicher, ob BAADERs Stil in dieser ganzen Nachwendezeit Anklang gefunden hätte. Erst heute wirkt das auf mich wieder sehr modern und cool. Und doch würde ich die Frage optimistisch beantworten: Jemand, der so eine Kraft und Energie hatte, hätte sich sicherlich neue Feindbilder gesucht und wahrscheinlich auch ziemlich schnell welche gefunden.

Destruktion gab und gibt es genug – das will niemand. Aus welchem Grund ist denn unsere Zeit so lebensbejahend? Wahrscheinlich nicht weil die Menschen Zerstörung wollen.

Es ist wichtig, Feinde zu haben. Heutzutage fehlt uns das manchmal. Es ist ja auch gar nicht mehr so einfach, Kritik zu üben, ohne nur zu Motzen und alles Schlechtzumachen. BAADER konnte das, er war nicht nur destruktiv. Destruktion gab und gibt es genug – das will niemand. Aus welchem Grund ist denn unsere Zeit so lebensbejahend? Wahrscheinlich nicht weil die Menschen Zerstörung wollen. Unsere Gesellschaft ist eher eine suchende. Sie stürzt sich in diese oberflächliche Freude, den Hedonismus und die Partykultur, um sich zu versichern: Alles ist gut! Deshalb wäre es toll, wenn es wieder mehr Leute wie BAADER Holst geben würde. Die nicht einfach sagen: ‚Ihr seid alle scheiße!‘, sondern die das so toll formulieren, dass die Leute auf emotionaler Ebene begreifen, dass es vielleicht auch anders ginge.

Frigitte Hodenhorst Mundschenk_2 - Foto Hartmut Beil

BAADERs Namensinspiration war ja unter anderem der Dadaist Johannes Baader. Wenn ich das richtig recherchiert habe, hat der sich zu seiner Zeit absichtlich Geisteskrankheit attestieren lassen, damit er seine Performances durchziehen konnte. Ähnlich, wie BAADER versuchte, dank psychiatrischer Gutachten vom Wehrdienst befreit zu werden. Was heißt das aber in Bezug auf Delinquenz – wie könnte das heute funktionieren?

Keine Ahnung. Ich hab gestern Axel Stoll mit seinem Neuschwabenland gesehen – kannst du dir auf YouTube angucken. Das ist amüsant eigentlich, aber auch ein bisschen verrückt. So etwas was du meinst, das ging damals, war vielleicht auch notwendig für Leute wie BAADER Holst, die um den Wehrdienst drum herum kommen wollten. In dem Zeitkontext mag das revolutionär gewesen sein, aber heutzutage ist dann die Frage ob das überhaupt noch nötig ist. Der Fehler besteht oft darin, einer Handlung von vor fast 100 Jahren dieselbe Wertigkeit in der heutigen Gesellschaft zuzuschreiben. Die Frage ist ja eher: Was wäre das heute, was der damals gemacht hat? „Ich lasse mir irgendwas bescheinigen, dann kann ich nackig durch die Straßen laufen“ – das funktioniert so nicht mehr.

Ich denke da eher an krasse Gesellschaftstabus. Oder es wäre vielleicht heute gar nicht mehr in der Kunst zu finden, sondern man müsste eher im Wirtschaftssystem nach einem Kniff suchen, der die totale Freiheit bedeutet. Vielleicht so etwas wie eine Insolvenz, ohne Auflagen. Vielleicht sind auch Selbstmordattentäter das heutige Äquivalent von Radikalität. Sie rechtfertigen ihre Handlung damit, dass sie hinterher sowieso tot sind und ihnen niemand mehr etwas anhaben kann. Oder dass Gott ihnen das befiehlt. Jetzt kommen wir langsam der Sache näher: Gotteskrieger lassen sich auch etwas bescheinigen – Nämlich ihre Tat, von Gott. Und sind damit aus dem Schneider. Auch gegenüber der Gesellschaft. Sie nehmen sich auch selbst die Angst davor, belangt zu werden, weil sie sich ja umbringen. Könnte so eine Art von Äquivalent sein, aber das ist auch ganz schön daher gesponnen.

BAADER hat in Bezug auf den Mauerfall einmal gesagt:

„ich habe das recht im namen des unrechts ‚frei zu reisen’/ich trete die deportation nicht an“

und die Wiedervereinigung kommentiert mit:

„da ich die letzten 10 jahre am rande dieses sinnregimes gelebt habe wüßte ich nicht warum ich grade jetzt die möglichkeit einer diktatur anerkennen und gutheißen sollte“

Nun ist er seit 25 Jahren tot und wir selbst haben gerade die Feierlichkeiten zu 25 Jahren Deutscher Einheit hinter uns – was denkst du, auch angesichts BAADERs kritischer Haltung gegenüber der Wiedervereinigung, gibt es Grund zum Feiern?

Für mich ist auf jeden Fall ein Thema, welche Rolle Leute in unserem Alter, die sich ja nicht aktiv an der Wende beteiligt haben, heute spielen könnten. Ich habe so langsam das Gefühl, dass es die Aufgabe unserer Generation ist, sich mit diesem Phänomen „Wende“ auseinanderzusetzen. Die Leute, die in der Zeit jung waren, wie meine Eltern, also so 20, Mitte 20, die haben das zwar miterlebt, aber es ist eher Aufgabe von uns das Ganze kritisch zu hinterfragen. Zum Beispiel genau das, was du ansprichst: 25 Jahre, bzw. jetzt 26 Jahre Friedliche Revolution und was damit gemacht wird.

Wenn du mich da nach meiner Meinung fragst: Ich vergleiche das so ein bisschen, auch wenn es ein anderes Level ist, mit der 68er-Bewegung. Der es ja auch darum ging, dass die Generation der Kinder ihre Eltern fragt: Was habt ihr mit dem System im Dritten Reich zu tun gehabt? So ähnlich stelle ich mir das vor. Ich weiß nicht ob das zu hoch gegriffen ist, aber ich glaube, dass das eine Art von Generationspflicht ist. Da wird glaub ich noch ein bisschen was auf uns zukommen und ich hoffe bald, denn sonst ist es auch schon wieder fast zu spät.

Du meinst, dass Leute in unserem Alter sowas wie den „Bonus des Nicht-Involviertseins“ ausspielen sollten?

Naja, ich war ja nicht aktiv involviert, jedenfalls nicht in die 89er-Zeit. Das einzige, was ich mitbekommen habe und was mir auch erst in den letzten zwei Jahren wirklich bewusst geworden ist, ist, dass ich zwischen zwei Systemen aufgewachsen bin. Ich war nie richtig DDR-Kind, auch wenn ich noch DDR-Staatsbürger war. Das System selbst habe ich nie aktiv mitbekommen.

Und ich merke erst jetzt, wie sehr sich das trotzdem auf mein Leben ausgewirkt hat. Aufgewachsen zu sein in dieser Übergangszeit, zwischen zwei Systemen – auch Wertesystemen. Ich hatte zwar eine sehr behütete Kindheit, habe aber schon mitbekommen, dass eine gewisse Euphorie herrschte, gleichzeitig so ein seltsamer Schwebezustand. Und ich glaube, bzw. bin felsenfest davon überzeugt, dass ich das als Kind aufgenommen habe. Denn das war ja das, was mich umgeben und was mich geprägt hat. Bis heute übrigens, auch in meiner Musik.

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