Keine Bewegung

Die musikalischen Erben BAADERs?

das kolonialisierte ding wird mensch
von „Matthias“ BAADER Holst

die eingeborenen kicherten schon seit stunden über den kleinen schmächtigen traumverwalter der nach stierblut lechzte und grimassen schnitt sie trugen es mit würde dass er sie bekehren wollte sie überzeugen wollte von der wichtigkeit einer insel für die neue europäische musik sie lauschten seiner geige und kicherten wieder und wieder über die richtigkeit seiner ideen die klarheit seiner gedanken die tiefe seines gefühls es schien ihnen spaß zu machen dass er an etwas glaubte es schien ihnen spaß zu machen dass seine tage gezählt waren er war ihr liebstes spielzeug und ihr einziger gast er war ihr feind: grund ihres hassens was er auch tat er tat es für sie niemand ahnte dass ihn mütter und väter brüder und schwestern kinder und greise befreien würden niemand ahnte dass in ihm an sie nichts erinnerte.

Aus: Versensporn – Heft für lyrische Reize, herausgegeben von Bo Osdrowski und Tom Riebe, Ausgabe 2, 2011

Oben: Die Nerven, Trümmer Unten: Schnipo Schranke, Messer, Zucker

Oben v.l.n.r: Die Nerven, Trümmer
Unten v.l.n.r.: Schnipo Schranke, Messer, Zucker

Sie heißen Die Nerven, Messer, Karies, Zucker, 206 oder Trümmer. Ihre Namen sind Ausschnitte der Alltagssprache, rekontextualisiert und ausgestellt, wie es auch BAADER Holst mit den Begriffen des „Sinnregimes“ DDR zu pflegen tat. Diese Bands kommen nicht aus Berlin – sie kommen aus Stuttgart, Münster, Halle oder Hamburg. Hinter ihnen steht keine Strategie, kein cleveres Management oder gar ein Businessplan. Nur der Wille zum Ausdruck und der Anspruch, dass man die Dinge besser oder wenigstens anders machen kann. Eine Bewegung? Im Gegenteil: Keine Bewegung! So heißt auch der Sampler, auf dem sich erstmals viele der derzeit spannendsten deutschsprachigen Bands versammelt haben.

Ist es vermessen, die Erben von BAADER Holst in der Popkultur zu suchen? Ist das der Holzweg, auf den einen seine performativen Verse schicken? Vielleicht. Andererseits: Es ging und geht dem Dichter wie den Sängern um die Suche nach dem richtigen Ausdruck, die Freiheit der eigenen Gedanken; ja, auch um die eitle Selbstdarstellung. Ich möchte alle dazu einladen, BAADER nicht mehr als Sonderling der DDR-Literatur zu lesen, sondern als einen zeitlosen Ringer in der Arena der Individualität.

In ganz ähnlicher Weise wie BAADER geht es diesen jungen Bands nicht vordergründig um schon oft verbrannte Begriffe wie Identität, Haltung, Subkultur und Underground. Es geht darum, wieder eine Sprache und den passenden musikalischen Ausdruck für ein zeitloses Gefühl des Unwohlseins zu finden. Leben wir nicht wieder in einem „Sinnregime“, nur einem der subtileren Art?

„Sei einfach nicht du selbst“, entgegnet etwa Jens Friebe in dem ihm eigenen, hyperventilierenden Popsingsang den Karriereplanern des Neoliberalismus. Im selben Tonfall negieren Die Nerven das Ich: „Schau durch mich hindurch, an mir vorbei, niemals nach vorn, niemals zurück, kurz bin ich unsichtbar, schleich‘ mich davon“, singen sie im Song „Blaue Flecken“ zu krachendem Postpunk.

Trümmer aus Hamburg hingegen stellen völlig unzweideutig die Frage aller Fragen: „Wo ist die Euphorie?“. Und Timm Völkers 206, hier finden wir tatsächlich den assoziativen Sprachduktus eines BAADER Holst wieder, heben ihre Hand „für ein monochromes Ja“, derweil die Exilösterreicher Ja, Panik bereitwillig ihre Handynummer an die Außengrenzen der EU versenden: „wenn dich die Welt anspuckt am Bosporus, in Lampedusa, dann wär das hier meine Nummer: …“.

Vielseitig, doppelbödig und eher über Umwege unangepasst präsentiert sich diese Nicht-Bewegung. Johannes von Weizsäcker, Großneffe des ehemaligen Bundespräsidenten, stellt gewitzt den gesellschaftlichen „Erfolg“s-Imperativ in den Mittelpunkt seines gleichnamigen Projekts: „Alle reden von ‚Armutsschere‘ – ich scher‘ mich nur um Erfolg.“ Das nonchalante „Pisse“ des derzeit schwer angesagten Duos Schnipo Schranke erweitert den Kanon schließlich um essentielle Fragen der Zweisamkeit wie: „Warum schmeckts wenn ich dich küsse – untenrum nach Pisse?“

Keine Bewegung ist ein bunter Reigen, musikalisch nicht festgelegt und weder dezidiert politisch noch unpolitisch. Aber: Die Künstler eint ihr reflektierter Sprachgebrauch, das suchende Formulieren von Zuständen und Zwischentönen.

Dass Spiegel Online vor einiger Zeit dem Album „Fun“ von Die Nerven attestierte, es sei „eine der wichtigsten und besten deutschsprachigen Platten dieses Jahrzehnts“ und das umtriebige Trio aus Stuttgart mit ihrem jüngsten Album beginnt, auch international Aufmerksamkeit zu erlangen, deutet an, dass es sich hier kaum um eine der vielen temporären Luftnummern handelt. Internationaler Erfolg? Eigentlich ein unmögliches Unterfangen für deutschsprachige Gitarrenbands. Zuletzt mag das ansatzweise Blumfeld zu Hochzeiten der Hamburger Schule gelungen sein; auch so eine Bewegung, die eigentlich nie eine war. Genau genommen gab es nach Kraftwerk nur noch eine international erfolgreiche, deutschsprachige Band: Rammstein. Womit sich der Kreis zu BAADER Holst und dem kreativen Mikrokosmos des DDR-Undergrounds wieder schließt.

Staatsakt und Euphorie, so heißen die beiden Plattenfirmen hinter diesem Sampler, haben mit Keine Bewegung eine Visitenkarte für die hiesige Musiklandschaft hinterlegt. Darauf steht keine Nummer, keine Email, kein Kontakt, kein Ansprechpartner. Nur das selbstbewusste „Wir sind hier“ einer vitalen Independentmusikszene abseits des musikalischen Mainstreams.

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Keine Bewegung
Release-Date: 25.04.2014
Label:Staatsakt & Euphorie

Tracklist:
01. ERFOLG – Erfolg
02. JENS FRIEBE – Sei Einfach NichtDu Selbst
03. ZUCKER – Alles Amazing
04. CANDELILLA – 22
05. DER RINGER – Das Goldene Ticket
06. 206 – Geist + Fahrer
07. DIE NERVEN – Blaue Flecken
08. MESSER – Süßer Tee
09. TRÜMMER – Euphorie
10. CHUCKAMUCK – T-Hawk
11. JA PANIK – 0157 1
12. DER BÜRGERMEISTER DER NACHT – Selby
13. SCHNIPPO SCHRANKE – Pisse
14. CHRIS IMLER – Notorisch
15. LAFOTE – Zündschnur

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