Eine Spurensuche im Desinteresse

Einleitung

„es gibt nichts was mich tötet: allein der text“

Punk-Poet, Dada-Dichter, Brachiallyriker – die Liste an Bezeichnungen für den 1990 verstorbenen „Matthias“ BAADER Holst ist lang. Der erst spät zu Anerkennung gelangte Dichtersohn Halles war schon zu Lebzeiten ein faszinierender Charakter. Dass sich diese Faszination bis heute hält, hängt sicher auch mit dem Mythos BAADER zusammen, zu dem ihn sein früher Tod gemacht hat. Als schillernde Gestalt des DDR-Undergrounds provozierte Matthias Holst schon damals Meinungen. Viele hielten ihn sicher für einen Spinner und manche für nicht mehr als einen mittelmäßig begabten Radikalen. Trotz allem aber bleibt BAADER bis heute vor allem eines: aktuell.

Und so kommt es, dass, obwohl bereits so viel über ihn gesagt und geschrieben wurde, einige meinen, dass es selten das Richtige war. Es wird schwer zu finden sein, das Richtige: Irgendwo zwischen der Kunstfigur BAADER, dem Menschen Holst und der rätselhaften Welt seiner Texte. Möchte man sich der Figur „Matthias“ BAADER Holst nähern, bleibt nichts anderes übrig, als sich auf eine Spurensuche zu begeben. Sein Freund Peter Wawerzinek widmete ihm einst die Festschrift Das Desinteresse. Begeben wir uns also auf eine Spurensuche im Desinteresse.

Für eben jenen Peter Wawerzinek, den engen Freund und künstlerischen Partner von Holst, mit dem er seine sicher intensivsten Jahre in Berlin verlebte, ist BAADER im Grunde nicht vorstellbar ohne seinen Heimatort – „Aller BAADER geht von Halle aus“, so sagt er. Das frühe Familienleben des „bürgerlichen“ Matthias Holst fand hier statt, seine doch recht unbeschwerte Kindheit und Jugend. Ebenso aber ist Halle der Ort der langsamen aber stetigen BAADER-Werdung. Hier entfremdete sich Holst zunehmend vom Sinnregime der DDR, er trug offen Konflikte mit der Obrigkeit aus und kämpfte wie so viele um kleine Freiheiten im engen, grauen Alltag des real existierenden Sozialismus. Holsts Werdegang war in dieser Hinsicht gleichermaßen symptomatisch wie er einzigartig war. Genaugenommen begann er allerdings gar nicht in Halle.

 

Kapitel I: Aufwachsen

„nadelarbeit, schulgarten und werken waren die liebsten schauhäuser meiner ersten schnuckligen ghettoisierung“

Matthias Holst wird am 17.05.1962 in Quedlinburg geboren und wächst zunächst bei seinen Großeltern in Gernrode im Harz auf. Schon bald danach aber lebt er bei seinen Eltern im Robert-Franz-Ring 13a in Halle. Die Mutter ist Verwaltungsangestellte an der Sektion Sportwissenschaften der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, der Vater wissenschaftlicher Assistent am Englischen Seminar der MLU, später auch Dozent an der TU Merseburg. Es ist wohl eine behütete Kindheit, die Matthias in Halle verlebt. Der Vater Günter Holst formuliert es später so:

„Er war Teil unserer Familie, von der ersten bis zur letzten Stunde seines Lebens. Er ist das gewesen und ist das geworden, was er geworden ist, weil er das immer wusste. Wir waren seine Eltern, wir ’steckten in ihm drin‘! Er ist bei uns aufgewachsen, in der Atmosphäre, in den Verhaltensweisen, in den Vorstellungen, in den Anregungen unserer Familie. Er hat sich bei uns entwickelt und durch uns, auch wo und weil er eigene Wege gehen musste. Und er hat sich bei uns wohlgefühlt.“

Der spätere Werdegang von Matthias mag das Bild einer intakten Familie unrealistisch erscheinen lassen. Aussagen von Freunden wie Jens Asche aber bestätigen grundsätzlich das Bild eines guten Verhältnisses von BAADER zu seinem Elternhaus: „Er konnte immer zu seinen Eltern gehen und durfte auch immer Leute mitbringen“, erinnert sich Asche. Die Umgebung, in der Matthias Holst groß wurde, sei „liebevoll“ und auch den Freunden gegenüber „offen und bedacht“ gewesen.

Matthias‘ schulische Leistungen sind gut. Ab der 8. Klasse besucht er die Erweiterte Oberschule August Hermann Francke, die er aufgrund von Schwächen im naturwissenschaftlichen Bereich aber bereits nach einem Jahr wieder verlassen muss. Er schließt seine schulische Ausbildung schließlich an der Polytechnischen Oberschule Georgi Dimitroff mit dem Prädikat „gut“ ab, später wird er auch das Abitur in Russisch und Deutsch an der Volkshochschule nachholen.

Die folgende, erste Ausbildung als Baufacharbeiter entpuppt sich schnell als nicht dem Naturell BAADERs entsprechend. Man urteilt über ihn: „Zu lang, zu dünn, zu schlaksig, und irgendwie scheint sein Gemüt nicht unbedingt auf einen Bau zu gehören.“ Auch die kurze Karriere als Zusteller bei der Deutschen Post endet bereits nach einem halben Jahr. Matthias ist da gerade einmal 20 geworden. Es beginnt eine langwierige Suche nach einem, seinen Neigungen entsprechenden, Platz im Arbeiter- und Bauernstaat. Sie führt ihn schließlich zur Universitäts- und Landesbibliothek der Martin-Luther-Universität, wo er ab Juli 1982 als Hilfskraft im Zeitschriftenlesesaal arbeitet.

Urplötzlich steht Matthias Holst eine ganz neue literarische Welt offen: Der sogenannte ‚Giftschrank‘, in dem Bibliotheken die in der DDR teilweise offiziell verbotenen, teilweise als suspekt gebrandmarkten Autoren und Texte zu Forschungszwecken aufbewahren durften. Seine Aufmerksamkeit gilt vor allem den Autoren des Anarchismus und der Avantgarde des 20. Jahrhunderts. Bis zu seiner Flucht aus Halle sollte Matthias Holst hier arbeiten und seine ganz privaten Studien betreiben. Handschriftliche Notizen füllen bald unzählige Papierstreifen und Zettel – sie werden später die Basis für BAADERs literarische Arbeit bilden.

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Kapitel II: BAADER werden

„nur ein toter dichter ist ein guter produktionsarbeiter“

Für einen jungen Menschen, der nach Möglichkeiten zum selbstbestimmten Ausdruck in der ideologischen Enge des DDR-Regimes suchte, führte ab Ende der 70er Jahre kaum ein Weg an der offenen Arbeit der Evangelischen Kirchengemeinden vorbei. Sie sollte eigentlich der häufig religionsfernen und politisch normierten Bevölkerung einen Raum zur Horizonterweiterung bieten, unter anderem mit den Mitteln der sogenannten ‚akzeptanzbasierten Jugendarbeit‘. Die Folge war, dass die Kirchengemeinden schnell zu einer Art Sammelbecken für junge und jugendliche Aussteiger und Unangepasste jeglicher Couleur wurden. Matthias Holst beginnt bald ebenfalls, sich in diesen Kirchenkreisen zu bewegen. In der Jungen Gemeinde Halle-Neustadt unter der Leitung von Diakon Lothar Rochau nimmt er an diversen Friedensaktionen teil und engagiert sich in Umweltfragen.

Baader bei einer frühen Theateraufführung - Gerald Zoerner

Matthias Holst bei einer Theateraufführung in der Paulusgemeinde Halle – Foto: Gerald Zörner

Holst nutzt den Freiraum der Kirche auch ausgiebig für seine künstlerische Selbstfindung. Er spielt Theater, nimmt an Diskussionen und Friedensaktionen teil. Außerdem veranstaltet er zusammen mit Freunden eigene Lesungen pazifistischer und anarchistischer Literatur. Später kommen auch eigene Texte hinzu. Diese Events fanden zunehmend nicht nur im geschützten Raum der Jungen Gemeinde Halle oder später in der Gemeinde der Christuskirche um Pfarrer Siegfried Neher statt, sondern auch in Wohnungen und privaten Lesekreisen.

Ende des Jahres 1982 war Holst endgültig bei den Eltern aus- und in eine Wohngemeinschaft in der Kleinen Ulrichstraße 3 eingezogen. Kurze Zeit später mieteten seine Eltern für ihn eine Teilwohnung in der Krukenbergstraße 28 an, in der Holst bis zu seiner Flucht aus Halle wohnte. Die in diesen Wohnungen und bald auch anderswo veranstalteten Happenings sollten nicht unbeobachtet bleiben. Bereits im Juli 1983 wird vom Ministerium für Staatssicherheit die Operative Personenkontrolle „Ullrich“ gegen BAADER eingeleitet – sein anarchistisches und pazifistisches Gedankengut ist den Staatsorganen zunehmend ein Dorn im Auge, genauso wie sein Engagement in der Jungen Gemeinde. Der Staat beginnt nach Mitteln und Wegen zu suchen, Matthias Holst zu disziplinieren.

Foto: Wolf Quasdorf

Foto: Wolf Quasdorf

Es heißt, der Name BAADER gehe zu gleichen Teilen auf den RAF-Terroristen Andreas Baader und den Berliner Dadaisten Johannes Baader zurück. Eine nicht unwahrscheinliche Lesart, der einige aber bis heute entgegenhalten, dass ‚Baader‘ – anfangs oft noch ‚Bader‘ geschrieben – lediglich einer weit simpleren Anekdote entstammt, derzufolge Holst einst in einem Hallenser Brunnen ein Bad nahm. Wie so oft könnte in beidem ein Fünkchen Wahrheit stecken. Der Name jedenfalls beginnt schnell ein Eigenleben zu entwickeln. Aus dem ‚Bader‘ aus Halle wird nach und nach „Matthias“ BAADER Holst.

 

Kapitel III: Verweigerung

„es geht nicht darum ob ich nach bier rieche. sondern um die wahrhaftigkeit der zentralgewalt“

Nachdem BAADER in das Netz der Stasiüberwachung geraten war, erhält er im September 1983 die Aufforderung zur Einberufungsuntersuchung für den Militärdienst. Heute gibt es nicht einmal mehr die Wehrpflicht, zu jener Zeit aber war für viele in der pazifistisch geprägten, kirchennahen Alternativjugend der Freidenker und Kreativen die Armee eine Horrorvorstellung: 18 Monate betrug die Wehrpflicht in der DDR mindestens. Die Ableistung kam für BAADER nicht in Frage. „Armee bedeutete ja immer Einschluss, eine Art von Einstampfen. Da hatte er richtig Schiss vor“, erinnert sich Jens Asche. In einer späteren, schriftlichen Wehrdienstverweigerung formuliert Holst selbst: „ich bin nicht geboren um teil zu sein eines ganzen. einer gesellschaft. einer ordnung.“ Mehr noch als der Dienst an der Waffe schreckt BAADER die Vorstellung, kollektiviert zu werden; entmenschlicht und zu einem Teil eines Systems gemacht. Eine Angst, die sich auch in anderen Bereichen seines Lebens zeigt, wie ein Erlebnis verdeutlicht, an das sich Jens Asche erinnert:

Es kommt, wie es kommen musste: Holst erscheint nicht zur Einberufungsuntersuchung und verweigert anschließend schriftlich den Wehr- und den Ersatzdienst. Totalverweigerern wie ihm drohen bis zu 5 Jahre Haft. Nur seinen Eltern zuliebe nimmt er die Verweigerung Anfang 1984 teilweise zurück und erklärt sich zum waffenlosen Dienst als Bausoldat bereit.

In den folgenden Jahren wird es auch aufgrund der Wehrdienstverweigerung nicht leichter für Matthias Holst, seine künstlerischen Ambitionen weiter zu verfolgen, obwohl er alles andere als dezidiert politisch gewesen ist. Zwar äußert er sich in Briefen und Gedichten lakonisch („Ich lebe hier als Betroffener. Nicht als Sieger“) bis kritisch („wer an etwas glaubte, wurde erschossen“) gegenüber dem System der DDR, als Oppositionellen im strengen Sinne kann man BAADER aber eigentlich nicht bezeichnen, findet sein Mitstreiter und Freund Peter Winzer: „Kritisch waren wir, aber oppositionell waren wir nicht. Baader hatte die Waffe verweigert und ich auch. Und schon war man in einer politischen Schiene, nur weil du keinen Bock hattest, mit einer Flinte rumzurennen. […] Als man die Waffe verweigert hatte, ging es los. Dann wurde man zum feindlich-negativen Element gestempelt.“

Mit Peter Winzer hat Matthias Holst einen Gleichgesinnten in Halle gefunden. Sie unterstützen sich und treiben gegenseitig den eigenen Bekanntheitsgrad voran. Immer größere Lesungen werden veranstaltet und so positioniert sich BAADER nach und nach als durchaus lokale Größe einer alternativen Literaturszene. Man kennt ihn und Winzer. Ihre Gedichte aber will noch immer niemand so recht veröffentlichen. BAADERs großer Traum vom eigenen Buch scheint zu diesem Zeitpunkt in weite Ferne gerückt.

Wie früh BAADER sich bereits dieses Ziel, ein eigenes Buch zu veröffentlichen, gesetzt hatte und was es ihm bedeutet, verdeutlicht eine Anekdote, an die sich Jens Asche aus der Zeit in der gemeinsamen Wohnung noch lebhaft erinnert:

Trotz beständiger Einsendungen druckt kein offizielles Magazin die Texte von Winzer und BAADER. Lediglich in illegalen Blättchen mit Minimalauflage wie Entwerter/Oder aus Berlin erscheinen ihre Arbeiten. „Ich denke, dass die Verlage verängstigt waren. Aber auch, dass da ein Tipp von gewissen Organen kam, dass man das nicht veröffentlichen sollte“, spekuliert Peter Winzer später.

Die beiden jungen Dichter fassen den Plan, einfach selbst eine Untergrundzeitschrift herauszugeben. Die Idee der GALEERE ist geboren. Das selbstverlegte Heft soll unpolitisch werden und Raum für eigene Texte sowie Zeichnungen bieten.

 

 

Schnell spricht sich das kleine Heft in Halle herum: „Da standen dann Studenten an der Burg, die sich über die Galeere unterhielten und uns gar nicht kannten. Uns war klar, dass wir die Idee irgendwie schützen mussten“, erinnert sich Winzer. Und so enthält die dritte Ausgabe auch Angaben zu den „Herausgebern“: Idee und herausgegeben von Holst und Winzer. Ein Fehler. Denn Publikationen sind grundsätzlich genehmigungspflichtig und eine Genehmigung gibt es natürlich nicht. Winzer und Holst werden vorgeladen, die Abteilung Kultur des Rats des Bezirkes Halle droht den beiden mit hoher Geldstrafe und fordert die Namen von Empfängern und Autoren der Hefte. Winzer und Holst halten dicht, stellen das Heft aber vorsichtshalber und gegen eine Geldstrafe von 300 Mark ein. Einmal mehr wird BAADER die Möglichkeit genommen, seine Texte veröffentlicht zu sehen.

Holsts Verhältnis zur Staatsmacht wird indes immer schlechter. Er wird 1986 als Nichtwähler registriert, beginnt ab 1987 für Moritz Götzes Punkband Die Letzten Recken zu schreiben und zu singen, unterzeichnet Protestbriefe an die Generalstaatsanwaltschaft der DDR und erneuert schließlich im März 1988 seine ursprüngliche Totalverweigerung des Wehrdienstes, nachdem er vom Wehrkreiskommando die wiederholte Aufforderung zur Einberufungsprüfung erhält. BAADERs Situation in Halle spitzt sich zu. Gleichzeitig, im Frühjahr 1988, trifft Holst auch erstmals auf Peter „Sc.Happy“ Wawerzinek, der ihn nach Berlin lotsen will.

 

Kapitel IV: Flucht

„du in london ich im leichenschauhaus. ein jeder wohl auf seinem platz.“

Unter dem Eindruck des drohenden Wehrersatzdienstes flieht Matthias Holst im Spätsommer 1988 aus Halle, ohne Freunde und Familie zu informieren. Seine Arbeit als Bibliothekar kündigt er schriftlich. Die ausgeschriebene Fahndung nach ihm bleibt zunächst ohne Ergebnis. Am 30.10.88 wird er, von einer Lesung in Magdeburg kommend, trotzdem durch die Transportpolizei in Berlin-Lichtenberg aufgegriffen. Seine Texte werden konfisziert, wogegen er in offiziellen Beschwerdebriefen vehement protestiert.

In den folgenden knapp zwei Jahren wird BAADER seine intensive Zusammenarbeit mit Peter „Sc.Happy“ Wawerzinek beginnen. Die elitäre Literatenszene im Prenzlauer Berg rund um den später als Stasi-Spitzel enttarnten Sascha Anderson ist in dieser Zeit bereits so etwas wie offiziell akzeptierte Opposition. Einmal mehr jedoch passen Holsts Literatur und seine unbarmherzigen Performances mit Wawerzinek nicht in die bestehende Struktur. Im Gegenteil: In einer ihrer legendären Störaktionen entern BAADER und Sc.Happy die Vorstellung der ersten offiziellen Publikation alternativer Literatur des Aufbau Verlags im Kino Babylon in Berlin. Erst als der Hausmeister den Strom abstellt, ist die Aktion beendet. An die Situation erinnert sich auch Christian „Flake“ Lorenz noch gut. Er war damals Mitglied in der Punkband Feeling B, spielte danach mit BAADER zusammen in einer Gruppe namens Frigitte Hodenhorst Mundschenk und ist heute als Keyboarder bei Rammstein bekannt:

Ich weiß noch, dass ich herzhaft lachen musste, und ich lache sonst nicht so viel. Also das muss wirklich sehr witzig gewesen sein. Und ich dachte, der Typ ist völlig verrückt, der hat ’ne Macke, der ist bekloppt. Fand ich gut.“

Frigitte Hodenhorst Mundschenk_1 - Foto Hartmut Beil

BAADER bei einem Auftritt mit der Band Frigitte Hodenhorst Mundschenk; links: Bo Kondren; rechts hinten: Christian „Flake“ Lorenz – Foto: Hartmut Beil

Statt also am „offiziellen inoffiziellen“ Literaturzirkus mitzuwirken, unternehmen BAADER und Sc.Happy lieber Lesereisen durch die gesamte DDR-Provinz. Im Juni 1990 finden die Dreharbeiten zum Film „Briefe an die Jugend des Jahres 2017“ statt, der einen Teil dieser Reisen dokumentiert. Am 15.06. unterschreibt BAADER schließlich mit „traurig wie hans moser im sperma weinholds“ seinen ersten Buchvertrag beim PRODUZENTEN VERLAG in Berlin. Die Veröffentlichung von Film und Buch erlebt „Matthias“ BAADER Holst nicht mehr. Er wird am 24.06.1990, von einer Ausstellungseröffnung kommend, gegen 5 Uhr morgens in Berlin von einer Straßenbahn angefahren und verstirbt, zunächst ohne überhaupt identifiziert worden zu sein, am 30.06.1990, dem letzten Tag der DDR-Mark, in der Berliner Charité.

Die letzten persönlichen Dinge, die Matthias Holst bei seinem Tod bei sich trug - unter anderem Zigaretten der Marke "Sprachlos

Die letzten persönlichen Dinge, die Matthias Holst bei seinem Tod bei sich trug – unter anderem Zigarillos der Marke „Sprachlos“ – Foto: Henning Grabow

BAADER wird auf dem Gertraudenfriedhof in Halle beigesetzt, heute befindet sich seine Urne auf dem Stadtgottesacker.

 

Epilog

So unberechenbar die Erscheinung und das öffentliche Auftreten von „Matthias“ BAADER Holst waren, so widersprüchlich war wohl auch sein Charakter: Als einfühlsam wird er beschrieben, gleichzeitig sarkastisch und schnell beleidigt, wenn etwas nicht so funktionierte, wie er wollte. Auch für so etwas wie eine klare Szenezugehörigkeit schien BAADER zu sperrig. Zu gut gebildet für einen Dichter des Proletariats, zu uneindeutig aber auch, um als Intellektueller oder politischer Dichter wahrgenommen zu werden. Die Stasi verunglimpfte ihn aufgrund seines kahlrasierten Schädels intern gar als intellektuellen Skinhead. BAADER aber entzog sich bewusst der Zuschreibung – er war, wenn man so will, ein pathologischer Außenseiter.

Ähnlich verhielt es sich mit seinem Verhältnis zur Punkszene. Peter Wawerzinek stellt später fest: „BAADER war sicher Punk und war es wiederum nicht.“ Selbst unter den „schreiend bunt“ gekleideten Punks mitten in Berlin wäre er mit seinen Aufzügen noch aufgefallen, er sprengte deren Bild schon rein optisch. Die Expressivität und aggressive Individualität der Punkbewegung sind aber sicher Dinge gewesen, die eine gewisse Anziehung auf Holst ausübten. Sein Engagement in Punkbands rührt sicher auch daher. Für die Hallesche Band Die Letzten Recken textete er und stand auch als Sänger auf der Bühne. Jan Möser, der schon bei den Recken mitwirkte, schrieb auch mit seiner späteren Band Jan Rebell & Die Popmöser noch Songs zu BAADERs Texten, wie beispielsweise ‚Urmutter‘.

Gerade das Wissen um seine literarische Bildung lässt Matthias Holst im Nachhinein manches Mal wie einen späten Poète maudit, einen verfemten Dichter, erscheinen, wie der Kunst- und Kulturwissenschaftler Paul Kaiser schreibt. BAADER – ein Francois Villon des real existierenden Sozialismus? Der Kurt Valentin der Mitropa? Oder doch eher der Bukowski des Ostens, wie Jens Asche meint? Wieder einmal überlagern sich in der rückblickenden Beschäftigung mit Holst die Meinungen. Einige unterstellten ihm gar, er hätte bei seinem Tod kurz vor der Enttarnung als Spitzel gestanden. Eine nicht haltbare Behauptung, wie man heute weiß. In diesen Momenten wird es schwer unterscheidbar, was pure Projektion und was Wahrheit ist. In gewisser Weise hat Holst damit erreicht, was er wollte: Er provoziert Meinungen, er lässt nicht kalt, er bewegt. Bis heute. Die Urteile über ihn aber, die hätten ihn sicher gekränkt. Mehr noch als der Umstand, dass seine Texte zu Lebzeiten so wenig Beachtung gefunden haben.

Seine Texte waren letzten Endes das, worüber sich BAADER definieren lassen wollte. Umso schwerwiegender trafen ihn wohl die wiederholten Zurückweisungen und Niederlagen. Es ist müßig, darüber nachzudenken, ob BAADER depressiv gewesen ist, als er vor die Straßenbahn lief. Klar ist, dass der Tod in seinem Werk eine große Rolle spielte und er sich gerne als „todgeweihter Außenseiter“ inszenierte, wie der Verleger Martin Brinkmann schreibt. Ein Selbstmordversuch aus dem Jahr 1984 ist ebenfalls überliefert. Für seinen Freund Peter Wawerzinek spielen diese Spekulationen heute eine untergeordnete Rolle. Er schreibt: „Es hätte ihn überall getroffen. Er war im Visier. Der Tod schreibt nicht mit, nichts auf, nicht an, nichts in seine Analen. Der Tod ist ein Analphabet.“

ich bin am ende doch das hat nichts zu heißen
wer zu lang lebt verliert sich schnell
ich mag die augenklappe an tom sawyer viel lieber
als allen ostseesand in wilhelm tell

aus: ceaucescu meiner seele!

Was bleibt, ist diese Erkenntnis: BAADER ist kein Relikt. Das zeigt allein der junge griechische Dichter Jazra Khaleed, der im sozial zerrütteten Griechenland von heute die alten BAADER-Texte wiederentdeckt und teilweise ins Griechische übersetzt hat. Holst, der früh und eigentlich sein Leben lang mit falschen Zuschreibungen, Aburteilungen und Kategorisierungen zu kämpfen hatte, würde sich sicher darüber freuen, dass seine Texte heute existieren und wirken können, ohne den zwanghaften Bezug zu seiner Person. Er würde sich aber bestimmt auch darüber freuen, dass er nicht vergessen ist.

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